Wednesday, June 28

Botox und mein Blasenhals

Männer, das hier ist für euch.
Immer wenn ich glaube, dass andere Leute von einer meiner Erfahrungen profitieren können, dann gebe ich die weiter. Schriftlich im Blog, mündlich auf diversen Podcasts, in Kurzform auf Twitter, manchmal sogar ungefragt bei einem Kaltgetränk.
Irgendwie zieht sich das seit einigen Jahren bei mir so durch und ich habe immer wieder Dinge öffentlich gemacht, die viele lieber verschweigen würden.
Eines habe ich in der Zeit ganz sicher gelernt: falsche Scham bringt überhaupt nix. Im Gegenteil, sie kann schädlich sein. Dinge aus blöden und unnötigen Peinlichkeitsgefühlen zu verschweigen oder zu verdrängen macht’s für einen selber und für die anderen nicht besser.
Darum schreibe ich das hier. Dieser Beitrag ist speziell für die Männer unter euch.
Spätestens wenn der Mann die 40 überschritten hat, kommen die Einschläge langsam näher und der Urogenitaltrakt wird beim einen oder anderen gefühlt zur tickenden Zeitbombe. Man hört einfach zu viel über PSA-Werte, Prostata-Krebs, Blasenleiden, usw. Und wenn dann, wie in meinem Fall, irgendwann der volle Strahl beim Pieseln langsam dünner wird, dann ist Verdrängung irgendwann einfach keine Option mehr.
Ist blöd, aber dieser Verdrängungsmechanismus kann bei mir sehr stark sein. So mussten mehrere Jahre vergehen, bis ich dann endlich endlich endlich beim Urologen aufschlug. Mit etwas Bammel vor der Diagnose.
Hier meine längliche Geschichte in stark abgekürzter Form:
  • Der Urologe bestätigt, dass was nicht stimmt, findet die Ursache nicht, überweist mich in die Klinik.
  • Die Klinik bestätigt, dass was nicht stimmt (Stichwort: Urodynamische Untersuchung), findet die Ursache aber auch nicht wirklich und schickt mich zurück zum Urologen.
  • Der Urologe bestätigt, dass immer noch was nicht stimmt, findet die Ursache aber immer noch nicht und überweist mich deshalb wieder zurück an die Klinik. Urologen-Klinik-Ping-Pong.
  • Große Erleichterung: in der Zwischenzeit ist zumindest die Diagnose Krebs ausgeschlossen worden.
  • Die Klinik reicht mich ein Arzt-Level hoch (Level Up! *ding ding ding*). Dort wird zum ersten Mal die Vermutung geäußert, mein Blasenhals sei verengt. Und das sei selten.
  • Wasser lassen unter Röntgenkontrolle bestätigt dann schließlich die Vermutung.
Als Behandlung wurden mir zwei Optionen geboten: den Blasenhals per OP anschneiden. Das wäre zwar dauerhaft, aber wegen doofer Nebenwirkungen eher nicht so toll.
Oder Botox.
Ja. Botox. Damit macht man nämlich nicht nur Falten im Gesicht weg, man kann damit wohl auch prima verspannte Muskeln lockern bzw. lähmen.
Vorsicht, zartbesaitete Gemüter (vor allem die Männer) mögen bitte den nächsten Absatz überspringen.
So sind sie bei mir vorgegangen: letzten Dienstag wurde mir unter Vollnarkose (wahlweise Rückenmarksnarkose, aber ich wollte von der OP ehrlich gesagt nichts mitbekommen), über die Harnröhre ein Instrument eingeführt über das dann der Blasenhals von innen ca. 25 kleine Botox-Injektionen bekam. Der Blasenhals war (wie erwartet) durch die Prozedur dann erst mal etwas geschwollen, weswegen ich noch ein paar Tage lang einen Katheter tragen musste. Mit einem innen an die Wade geschnallten Beutel, damit ich beweglich war. So habe ich es zwei Tage nach der Geschichte tatsächlich sogar nach Hamburg geschafft, um dort einen länger geplanten Workshop zu halten.
Bald habe ich den vermutlich faltenfreisten Blasenhals der Republik. Wenn das Botox vollständig wirkt (es dauert ein paar Tage, bis es die volle Wirkung entfaltet), werde ich für ein halbes bis ein dreiviertel Jahr Ruhe haben. Danach hat mein Blasenhals hoffentlich seine Verspannung verlernt und alles ist wieder in Ordnung. Falls nicht, kann man die Behandlung mehrfach wiederholen. Schneiden ist erst mal keine Option für mich.
Woran man merkt, dass man in der Urologie ist.
Was habe ich persönlich daraus gelernt?
  1. Falsche Scham ist komplett bescheuert.
  2. Andere Leute haben deutlich schlimmere Dinge. Das lernt man im Krankenhaus schnell.
  3. Symptome verdrängen macht nicht, dass sie weg gehen.
  4. Männer im mittleren Alter (aber auch alle anderen) sollten bei Beschwerden nicht zögern und zum Arzt gehen.
  5. Die ganze Sache war jetzt nicht gerade toll, aber auch nicht wirklich schlimm. Selbst die Sache mit dem Katheter.
  6. Nicht zu schnell locker lassen. Männerärzte verschreiben bei Beschwerden gerne erst mal eine Tablette (in meinem konkreten Fall einen Alphablocker), um die Symptome zu mildern. Wenn das nicht klappt, nachhaken und nicht zu schnell locker lassen.
  7. Sonderlösungen (z.B. der Wadenbeutel für den Trip nach Hamburg) sind durchaus möglich, man muss halt nur mit den Leuten reden.
  8. Lasst euch nicht von irgendwelchen Horrorgeschichten ins Bockshorn jagen. Drama und Horror machen halt die spannenderen Geschichten und die werden deshalb öfter erzählt als die, wo alles glatt ging. Dieses Post ist ein Beitrag zur positiven Seite.
  9. Ja, man kann in einer halben Stunde drei Liter Wasser trinken.
Nach ein paar Tagen Krankenhaus und der Kurzreise für den Kurzworkshop bin ich jetzt also wieder zu Hause und freue mich darauf, dass das Botox bald wirkt.
Drückt mir die Daumen.